Free Jazz: Feel free, play Jazz!
Free Jazz ist Ausdruck grenzenloser Freiheit. Und trotzdem ist Free Jazz nicht frei von Regeln. Scheint eine Improvisation auch noch so frei erdacht, liegen ihr doch bestimmte Muster, Werte und Formvorgaben zu Grunde.
“Let’s play the music and not the background”, sagte einst Saxophonist Ornette Coleman und prägte damit den Leitspruch einer ganz neuen Ära der Jazzmusikgeschichte. Das was bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in der klassischen E-Musik passierte, sollte in den 60er Jahren auch im Jazz Niederschlag finden. Musiker wie Ornette Coleman, John Coltrane und Cecil Taylor loteten nicht nur die Grenzen der Tonalität aus, sondern sprengten auch sämtliche Genre- und Formvorstellungen. Das führte gar soweit, dass man ein gesamtes Konzert als eine Art Jam-Session organisierte, in der keinerlei Noten oder sogenannte Leadsheets verwendet worden sind.
Ornette Coleman und der Free Jazz
Der Begriff Free Jazz geht auf eine Platte des heute 81-jährigen Saxophonisten Ornette Coleman zurück, die er zusammen mit Charlie Haden und sechs weiteren Musikern 1960 aufnahm. „Free Jazz – A Collective Improvisation“ markierte einen Umbruch in der Jazzgeschichte, wie er nie zuvor zu verzeichnen gewesen war.
Coleman schuf unter anderem ein neues formgebendes Bezugssystem – die „Harmolodie“. Werden beim Paradigma Harmonie Intervalle übereinander angeordnet und deren Kombination in Folge als formgebendes Element verstanden, so sind im System der Harmolodie, die Intervalle in ihrer linearen Folge betrachtet von Interesse. Auf dieser Grundlage erfolgt dann die Improvisation im Kollektiv.
Wenn man nun den Wert Ornette Colemans für die Jazzgeschichte einmal zu ermessen wagt, kann man durchaus sagen, Ornette Coleman war für die Jazzmusik, was Arnold Schönberg für die klassische Musik war – der zumeist unverstandene, aber gleichermaßen gehasste wie geliebte Avantgardist.
Free Jazz: Frei von Regeln?
So wie unsere Welt nicht ohne Regeln funktionieren würde, so kann auch die Musik nur schwerlich ohne ein formgebendes Gerüst auskommen. Im Free Jazz kam dieses Gerüst allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Stilen meist mit sehr wenigen formgebenden Mitteln aus. Die Kollektivimprovisation war – wenn sie auch oft sehr unvermittelt erscheint – doch zumeist auf ein rhythmisches, harmonisches oder melodisches Grundgerüst aufgebaut, das sich an der Jazz-Tradition orientierte.
Experimentiert wurde vor allem mit der Tonalität. Hier wurde ähnlich wie in der klassischen Musik vor allem auf Funktionsharmonik basierend auf dem Dur-/Mollsystem verzichtet. Man arbeitete mit Zwölftonmusik, serieller Musik und freier Atonalität. In der Rhythmik tat sich vor allem Schlagzeuger Sunny Murray als Neuerer hervor. Er führte das Schlagzeugspiel nahezu ad absurdum, indem er die metrenfreie Spielweise in den Jazz einführte.
Ein weiteres besonderes Merkmal des Free Jazz ist nicht nur die Form der Musikstücke an sich, sondern auch deren oft nahezu übersteigerter Ausdruck. Der Free Jazz ist Ausdruck einer Generation Unterdrückter, er spiegelt vor allem die sozialen Ungerechtigkeiten im Amerika der 60er Jahre und das Bedürfnis der schwarzen Bevölkerung nach Gleichberechtigung wider. Mit diesem Wissen erscheinen die oft obszönen, erschreckenden Töne, die der Free Jazz hervorbringt wie ein Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit. Vor allem auf den Blasinstrumenten wurden kreischende, trötende oder quakende Geräusche erzeugt, die vom Publikum oft missverstanden und als abstoßend wahrgenommen wurden.
Vertreter des Free Jazz
Neben den oben genannten Ornette Coleman, Cecil Taylor und John Coltrane sind außerdem Musiker wie Albert Ayler, Archie Shepp und Michel Portal als wichtige Persönlichkeiten des Free Jazz zu benennen. Die Genre-Grenzen zu anderen Jazzstilen verlaufen allerdings weitestgehend fließend, sodass deren Musik nicht immer einwandfrei zuzuordnen ist.
